Neueste CD-Kritiken

Haydn 28-31 - Januar, Februar 2024

Rondo Magazin, Attila Csampai, 20. Januar 2024
Bereits 1999 begannen die Heidelberger Sinfoniker unter ihrem Gründer und damaligen Leiter Thomas Fey mit ihrer vorbildlichen Einspielung aller Sinfonien Joseph Haydns. Sie stehen jetzt, nach 24 Jahren, unter ihrem neuen Chef Johannes Klumpp, der das Orchester 2020 übernahm, kurz vor dem Abschluss des Riesenprojekts, und haben nun gleich vier Folgen (Vol. 28-31) mit insgesamt 15 Sinfonien in der für sie typischen Frische, Rasanz, und ansteckenden Spiellaune vorgelegt, und so erneut das hohe Qualitätsniveau der Edition eindringlich bestätigt.
Da Klumpp seit Folge 25 die noch ausstehenden Werke in chronologischer Abfolge und nach neuesten wissenschaftlichen Standards einspielt, enthält die neue 4-CD-Box jetzt zehn Arbeiten des 30- bis 32-jährigen Haydn aus den Jahren 1763 - 1765, ergänzt durch fünf Sinfonien, die zwischen 1773 und 1776 entstanden sind. Diese exakte Chronologie widerspricht der inzwischen überholten historischen Nummerierung des Hoboken-Verzeichnisses. Es handelt sich also um eher frühe bis mittlere Werke aus dem riesigen Eszterházer Bestand, die aber allesamt bis heute im Konzertsaal ein Schattendasein fristen, obwohl Haydn gerade in ihnen seinen überschäumenden Experimentiergeist und seine sinfonische Revolution vorantreibt. So gibt es etwa in den noch von der „Kirchensonate“ inspirierten Sinfonien Nr. 21 und 22 nach sehr andächtigen, choralartigen Kopfsätzen jeweils zwei wild ausbrechende, rasante Presto-Sätze, die die feierliche Stimmung des Beginns regelrecht konterkarieren, und im Andante cantabile der Sinfonie Nr. 68 nimmt Haydn das eigenartige rhythmische „Ticken“ seiner „Uhr-Sinfonie“ Nr. 101 aus dem Jahr 1794 vorweg, während die sordinierten Streicher eine unendliche ätherische Melodie von Mozart’scher Schönheit darüberlegen.

In fast all diesen frühen Sinfonien leistet sich der stille Revolutionär aus Eisenstadt die verrücktesten Experimente, und wir erleben quasi hautnah den allmählichen Entwicklungsprozess der klassischen Sinfonie, vollzogen von einem hochmotivierten, quicklebendigen, geradezu mitreißenden Musiker-Kollektiv.

Pizzicato, Alain Steffen, 24. Januar 2024
„Haydn-Symphonien, bestens ausgewogen"
Nach Thomas Fey und Benjamin Spillner steht nun mit Johannes Klumpp der dritte Dirigent am Pult der Heidelberger Symphoniker, um den Ende der Neunzigerjahren begonnenen Haydn-Zyklus zu Ende zu bringen. Und man muss sagen, dass die Gesamtaufnahme der Haydn-Symphonien im Laufe eines Vierteljahrhunderts ein bisschen an Aktualität und Reiz verloren hat. Die Einspielung geht nur schleppend voran und was vor 25 Jahren neu und aktuell war, ist heute ein alter Hut. Zudem haben andere Ensembles in Sachen Haydn aufgeholt, so dass Feys einst revolutionäre Interpretationen heute kaum noch jemanden aufhorchen lassen.
Und trotzdem bleibt der Heidelberger Haydn für mich eine der besten Aufnahmen, die es gibt. Sicher, das Orchester ist unter Johannes Klumpp etwas braver geworden, aber es ist nicht zu überhören, dass die Interpretationen, tiefer, ausgewogener und auch schlüssiger geworden sind. Spieltechnisch sind die Heidelberger Symphoniker besser geworden und Klumpp erreicht das Kunststück, eine ideale Brücke zwischen markanter historischer Aufführungspraxis und klassischer Eleganz zu schlagen. Das ist vielleicht weniger spektakulär, aber Haydns Symphonien gewinnen unter Klumpps Dirigat  an Eigenständigkeit und Präsenz, dies in hervorragender Klangqualität.
Die hier eingespielten Symphonien bieten einen guten Gesamteindruck von dem Interpretationskonzept der Heidelberger. Vor allem verdienen die frühen Symphonien 12, 13, 16, 21-25, 28, 29 & 30 großes Interesse, denn sie werden mit der gleichen Ernsthaftigkeit ausgelotet, wie auch die späteren Werke, also die Symphonien 55,66, 67 & 72.Dieses Haydn Album ist dank seiner Geschlossenheit, seiner Ausgewogenheit und seiner interpretatorischen wie spielerischen Intelligenz ohne Zweifel eines der Höhepunkte im Heidelberger Haydn-Zyklus.

Klassik-heute Empfehlung, Rainer W. Janka, 28. Januar 2024
[...]. Bei Volume 31sind sie mit dieser 4-CD-Box schon angelangt. Angefangen haben sie mit Thomas Fey als Dirigenten, weitergemacht haben sie mit Johannes Klumpp. Der erfreut schon vor dem Hören durch das Lesen – und ich darf mich hier wiederholen: So herzerfrischend sympathisch, so wortgewandt und wortverliebt, so treffgenau in Beschreibung und Vergleich stellt er die Symphonien vor, dass man sofort nachhören will, ob das alles so zutrifft – oder dass man schon die Beschreibung fürs Hören nimmt.
„Schwungvolle Larmoyanz“ entdeckt er da (welch glückliche, fast an Thomas Mann gemahnende, Contradictio in adjecto!) und dann einen „Hauruck-Haudrauf-Satz“ sowie „etwas ‚Psycho‘, lange vor Hitchcock“, ein Menuett streckt da rhetorisch „die Faust zum Himmel“, „delirisch geht’s im Nebenzimmer zu“ oder „es schweben Feen“ oder lapidar: „Ein Satz, der knallt.“ Unerschöpflich wie Haydns Symphonie-Kreativität ist Klumpps Beschreibungs-Virtuosität.
Überraschend und vital
Und so schwebt und knallt es allenthalben in diesen 15 Symphonien, die alle in den Jahren 1763 -1774 entstanden sind.
Nimmt man die erwähnte Adam-Fischer-Gesamtaufnahme zum Vergleich, stellt man erstaunliche Unterschiede fest: Schon die Tempi sind bei Klumpp fast grundsätzlich anders, immer entweder viel rascher oder viel langsamer: Klumpp spreizt die Agogik-Möglichkeiten. Klumpp und die Heidelberger Sinfoniker scheinen alles nochmal eine Spur deutlicher, rhetorisch nachdrücklicher zu gestalten, als wollten sie die Überraschungen, Überspitzungen, Verblüffungen und Erheiterungen, die Haydn für seinen Fürsten Esterházy dauernd neu produzieren musste, für unsere Zeit übersetzen, die ja Knalliges, Fetziges, Überwältigendes im Übermaß zur Verfügung hat. Ein Beispiel nur: Für den Finalsatz der Symphonie Nr. 72 braucht Adam Fischer 7’25, das klingt hübsch heiter und verspielt. Klumpp braucht dafür 9’06, weil er die Variationen des eigentlich tumben Themas mit ernsthaftem Witz, Grazie und doch auch augenzwinkernder Gravität (so etwa beim „tapsigen Kontrabass“) präsentieren will. Dafür ist er mit dem „Hauruck-Haudrauf-Satz“ (Finalsatz der Symphonie Nr.12) in 3’14 fertig, wo Fischer 4’03 braucht.
Den Kopfsatz der Symphonie Nr. 22 mit dem – natürlich nicht von Haydn stammenden – Beinamen „Der Philosoph“ nimmt Klumpp ganz philosophisch bedächtig, als ob er uns etwas Bedeutsames erklären möchte.
Springteufelige Agilität
Die Heidelberger Sinfoniker spielen mit einer fabelhaften Kompaktheit und plastischen Direktheit: Man hört immer nur eine Geige spielen statt deren vier. Voll anspringendem Temperament, freudiger Lust am Presto, springteufeliger Agilität oder vergnügt-ruppigem Zugriff rasen sie durch die schnellen Sätze, in den langsameren entfalten sie farbenreichen Klangzauber. Schier unendlich groß ist ihr Überredungs- und Begeisterungswille. Vor allem die Variationssätze scheinen es ihnen angetan zu haben, da servieren sie geradezu liebevoll-zärtlich die zahlreichen Schönheiten wie zum Bespiel im Adagio der Symphonie Nr. 55, in der wahrlich „die Feen schweben“. Und sie haben hervorragende Solisten: Hörner mit virtuoser „Lippengymnastik“ (so scherzt Klumpp im Booklet) in der Symphonie Nr. 72, ein Cello mit samtener Sanglichkeit in der Symphonie Nr. 13 und eine seelenvolle Flöte im Adagio der Sinfonie Nr. 24, das geradezu ein Mini-Flötenkonzert ist, und dann wiederum brummig lächelnde Fagotte im Finalsatz der Sinfonie Nr. 68.
Auch klanglich überzeugend
Die Symphonien sind an drei verschiedenen Orten aufgenommen, doch die Tontechnik schafft es immer, die überaus zahlreichen schönen Einzelheiten plastisch darzustellen. Man scheint in der ersten Reihe zu sitzen und die Ohren in alle Richtungen zu drehen: Es ist einfach ein Haydn-Spaß!

Online Merker, Dr. Ingobert Waltenberger, 7. Februar 2024
Ein Haydn-Riesenprojekt, wie es nicht so viele gibt in der Geschichte der Schallplatte, geht nach einigem Hin und Her in die Endrunden, zumindest, was die Veröffentlichungen betrifft. Denn seit Mai 2023 sollen alle Haydn-Sinfonien im „Kasten“ sein, publiziert werden soll die noch übrigen nach und nach. Begonnen hat das ehrgeizige Vorhaben Thomas Fey, der unterstützt vom Verlagshaus hänssler Classic einige frühe und vor allem späte Haydn-Sinfonien aufgenommen hat. Eine CD (Sinfonien Nr. 9, 37, 38, 63) wurde vom Konzertmeister des Orchesters Benjamin Spillner geleitet.
Ab der Saison 2020/2021 oblag es dem neu amtierenden künstlerischen Leiter des Heidelberger Orchesters Johannes Klumpp, den Zyklus abzuschließen und zum Ziel zu führen. Nicht allen Dirigenten ist das gelungen, wie die Beispiele Christopher Hogwood/The Academy of Ancient Music (L’Oiseau-Lyre) oder Roy Goodman/The Hanover Band (Hyperion) zeigen.
In den 80-er und 90-er Jahren hat Adam Fischer alle Haydn Sinfonien mit dem Austro Hungarian Haydn Orchestra in Eisenstadt aufgenommen (ein Zyklus der späten Sinfonien mit dem Danish Chamber Orchestra und Adam Fischer ist gerade bei Naxos im Entstehen). Zuvor war es Haydn-Pionier Antal Dorati, der außer den wichtigsten Haydn-Opern mit der Philharmonia Hungarica für Decca rechtzeitig zum 250. Geburtstag des Komponisten auch alle Sinfonien dem Publikum im trauten Heim zugänglich gemacht hat.
Die jüngsten großen Haydn-Projekte stammen von Giovanni Antonini mit dem Kammerorchester Basel und Il Giardino Armonico für Alpha (2023 bei Vol. 14 angelangt) und eben den Heidelberger Sinfonikern, die historisch informiert voller Leidenschaft, Witz, Spielfreude und auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand an die Sache gehen.
Die nun auf 4 CDs  in einer Box veröffentlichten Sinfonien, komponiert im Zeitraum 1763 bis 1774, bieten Hörvergnügen vom Feinsten. Aufgenommen in Wiesloch, Bad Wildbad, und Heidelberg-Pfaffengrund mit umfangreichen Informationen des Dirigenten zu den musikalischen Eigenheiten der Stücke sind diese so innovativen wie verspielt experimentellen Sinfonien nun wieder in einer unverwechselbar eigenen Interpretation zu genießen.
Haydn kann so viel und noch mehr sein: Sturm und Drang, virtuos-euphorisch sprudeln, ländlich-erdig, kapriziös, galant und filigran, lichtvoll und dunkel sein, kontrapunktisch raffiniert zwinkern, kantabel singen und kokett wirbeln. Die Stimmungen und atmosphärischen Wechsel sind ein Abbild seelischer Disponiertheit in launischer Unberechenbarkeit und steter Kurzweil, dissonant frech, balsamisch anschmiegsam bis reißerisch springginkerlhaft.
Johannes Klumpp glaubt man seine Begeisterung und sein Engagement nicht nur aufs Wort, er vermag überdies das Orchester zu technisch-klanglichen Höchstleistungen und spontan empfundener Quirligkeit bei formal kluger Disposition und Balance zu animieren. Wie andere große Haydn-Interpreten, vor allem der derzeit zu filmischen Ehren gekommene Leonard Bernstein und Nikolaus Harnoncourt, ist Klumpp daran gelegen, „Musik zu den Menschen bringen“. Er moderiert Konzerte, kann ebenso mitreißend und klug über Musik parlieren und schreiben. Das Booklet genau zu lesen empfiehlt und lohnt sich daher.
Exzessive und marktschreierische Rekordversuche in Sachen Tempi und Dynamik gibt es glücklicherweise nicht zu vermelden. Manche Interpreten scheinen sinfonische Musik der Barockzeit und Klassik ja durchaus mit Formel I-Rennen zu verwechseln.
Bei Klumpp und seinen „Heidelbergern“ stehen das Musikantische, eine natürlich wirkende Rhetorik, das verschmitzt Erzählerische und das tief Humanistische der Musik im Vordergrund. Dazu kommen ein untrügliches Gespür für Klangfarben, eine beredte Bogenführung, Temperament und eine expressive, auf organische Kontrastwirkungen erpichte Artikulation. Dabei kommt er angenehmerweise ohne jegliche Manierismen oder Schwatzhaftigkeit aus.
Am Ende lebt jede bedeutende Interpretation von der unbedingten Immersion in den vielgestaltigen Haydnschen Kosmos, vom persönlichen Charisma der Beteiligten und einer unverwechselbar atmosphärischen Klangspachtelei. All das ist in dieser Edition üppig vorhanden. Ein faszinierender Haydn-Zyklus auf der Höhe der Zeit. Wenn alles publiziert ist, steht uns die erste komplette Gesamtaufnahme in historisch informierter Aufführungspraxis ins Haus, wenn ich nicht irre. Willkommen!

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, Gfel, 12.Februar 2024
Das Projekt der Heidelberger Sinfoniker, alle Haydn-Sinfonien einzuspielen, nähert sich dem Ziel. Johannes Klumpp, der dem Initiator Thomas Fey nachfolgte und die verbliebenen Stücke nach ihrer Entstehungsreihenfolge präsentiert, legt diesmal bei hänssler classic nicht weniger als 15 Werke vor, die Nummern12, 13, 16, 21 bis 24, 28 bis 30, 55, 67,68 und 72 sowie eines aus dem Nachlass, um genau zu sein. Fast eine Wundertüte, weil es sich um zu Unrecht wenig gespielte und bekannte Sinfonien aus Haydns Jahren in Eisenstadt handelt; vor allem aber bei der Entdeckung, wie – nach eigenen Worten –„original“ der Komponist hier in jedem Einzelsatz ist, wie er immer wieder neue Dramaturgien, Stimmungslagen, Klangfärbungen findet. Der Dirigent inspiriert das Ensemble nicht nur zu zupackendem, vitalem und durchsichtigem, klar konturiertem Spiel von kompakter Materialität (mit einem kleinen Minus an Charme und Sentiment), sondern liefert dazu auch noch die launig-originellen Kommentare im Booklet: großes Vergnügen nicht nur für die Ohren.

Die Heidelberger Sinfoniker zeigen mit 15 Sinfonien ihre Klassik-Kompetenz – Gesamteinspielung nach 25 Jahren auf der Zielgeraden
Rhein-Neckar-Zeitung, Matthias Roth, 14. Februar 2024

Wer nicht mit seiner Aufgabe wächst, ist letztlich der Aufgabe selbst nicht gewachsen: Als die Heidelberger Sinfoniker 1999 begannen, sämtliche Haydn-Sinfonien für CD einzuspielen, prognostizierte Thomas Fey, der Gründer und damalige Leiter des Orchesters: „Das ganze Projekt wird mindestens zehn Jahre dauern, und ich bin sicher, es wird uns alle verändern.“ Das ist nun 25 Jahre her, und natürlich sollte Fey, der 2014 verunglückte und seither nicht mehr als Dirigent arbeiten kann, recht behalten: Wie die Menschen, so verändern sich auch Orchester – den ursprünglichen Charaktermuss man dabei aber nicht verlieren.

Es gab seither viele Brüche in der Entwicklung dieser Aufnahmen, doch der ursprüngliche Spirit blieb erhalten: Nach den letzten Takes unter Feys Leitung (Vol. 23, 2016) folgten Einspielungen unter der Führung des Konzertmeisters Benjamin Spillner. Daneben arbeitete man mit Gastdirigenten wie Michael Hofstetter, Reinhard Goebel, Frieder Bernius oder Timo Jouko Herrmann. Solche Erfahrungen bleiben nicht folgenlos. Seit 2020 ist Johannes Klumpp künstlerischer Leiter der Sinfoniker – und er bringt die Haydn-Serie nun zu ihrem Ende.
Der „Heidelberger Haydn“ ist inzwischen zur Marke geworden und wird international geschätzt. Eine neue Box mit vier CDs und 15 Werken (Vols. 28-31) ist dieser Tage erschienen, der abschließende Viererpack soll später im Jahr zum 30-Jahr-Jubiläum der Sinfoniker herauskommen: Endspurt für ein Unternehmen, das den Namen Heidelbergs in der klassischen Musikwelt gut verankert hat.

[…] Geblieben sind auch die Vermeidung von Vibrato sowie die Faszination der „Klangrede“: Nikolaus Harnoncourt mentorierte die Musiker zeitweise und prägte nicht nur den Dirigenten Fey.

Freilich: Das war typisch für die Jahrzehnte um die Jahrtausendwende, aber verfängt es noch immer? Natürlich – wenn auch anders. Denn ein wesentliches Moment der Sinfoniker ist darüber hinaus ihr jugendlich inspirierter Elan, ihre Agilität, ihr Musizieren auf der Stuhlkante. Einige Musiker stammen noch aus der Ur-Besetzung und tragen ihre musikalische Haltung weiter, vor allem bei Haydn.

8…] „Papa Haydn“ der Fortschrittliche ist noch nicht in allen Köpfen. Diese Aufnahmen helfen, den Blick zu verändern. Am deutlichsten bei nicht so geläufigen Werken.

Wo einem die Musik „neu“ erscheint, entdeckt man den unglaublichen Ideenreichtum Haydns, seine gewagten, bisweilen ins Groteske gehenden Eigenwilligkeiten, seinen schier endlosen Kampf gegen die Schläfrigkeit des Publikums, dem er häufig mit überraschenden Forte-Schlägen auf die Sprünge hilft.

Die Sinfoniker arbeiteten solche Charakteristika heraus, mitunter mit nicht weniger Bizarrerie. Hier ist das Orchester unter Johannes Klumpp etwas gelassener geworden und vermutet nicht hinter jedem Tremolo gleich einen Herzinfarkt. Der Reifungsprozess ist unüberhörbar. Was nicht heißen soll, dass man harmloser geworden ist: Doch es ist auffallend, dass die Melodie-Akzente etwa im „Poco adagio“ von Nr. 28 kaum als Kontrastwirkung begriffen werden und der lange Satz (fast zehn Minuten Dauer) seine unaufgekratzt-zeitlose Entspanntheit fast ungestört entfaltet – wären da nicht die überraschenden Forte-Akkorde, die wie ein Schlagholz des Zen verhindern, dass man wegträumt. Haydns Zeitalter war das der Aufklärung, das darf nie vergessen werden. Klumpp differenziert die Dynamik feiner als jeder andere Dirigent, er tastet im Piano die Grenze zum fast Verstummten an, um dann im Forte – heißt: kräftig! – richtig laut zu werden. […].

In dieser CD-Box stehen alle Sinfonien in Dur-Tonarten. Weniger bekannt sind jene mit vier Hörnern, die Haydn in dem kurzen Zeitraum um 1763/64 schrieb, als er solche zur Verfügung hatte. Die bekannteste, „Der Philosoph“ (Nr. 22), ist eine der eindrucksvollsten dieser Box – nicht nur wegen der wundervollen Hörner, sondern auch der bei Haydn sonst selten verwendeten Englischhörner. […].

Die Heidelberger Sinfoniker beweisen insgesamt auf diesen CDs ihre ganze Haydn-Kompetenz, und Dirigent Johannes Klumpp hat sie wunderbar im Griff.

Kultkomplott, Gerhard von Keußler, 19. Februar 2024
Joseph Haydn (1732-1809) galt schon zu Lebzeiten als ein Genie. Zudem hat er mit seinen Kompositionen das Schaffen von Mozart, Beethoven, Schubert und Brahms maßgeblich beeinflusst. […]. Haydn, der früh Begabte, traf, als Voraussetzung für seine beispiellose Arbeit, die richtigen Leute zur richtigen Zeit, wie den Grafen Karl von Morzin und vor allem den Fürsten Esterházy. Sie alle ermöglichten ihm freie kreative Entfaltung bei wirtschaftlicher Unabhängigkeit.
Nur so war er in der Lage, innerhalb von sechs Jahrzehnten unter anderem 68 Streichquartette, 46 Klaviertrios, 52 Klaviersonaten, 21 Streichtrios, über drei Dutzend Solokonzerte, 4 Oratorien, 14 Messen, etliche Bühnen- und Orchesterwerke und 108(!!) Sinfonien zu komponieren. Ein unglaubliches Oevre, da er so erklärte:
„Gewöhnlich verfolgen mich musikalische Ideen bis zur Marter. Ich kann sie nicht loswerden, sie stehen wie Mauern formiert. Ist es ein Allegro, das mich verfolgt, dann schlägt mein Puls stärker, ich kann keinen Schlaf finden. Ist es ein Adagio, dann bemerke ich, dass der Puls langsamer schlägt. Die Fantasie spielt mich, als wäre ich ein Klavier.“
Die Heidelberger Sinfoniker haben es sich zur Aufgabe erklärt, sämtliche Sinfonien dieses erstrangigen Vertreters der Wiener Klassik einzuspielen. Die vorliegende 4CD Box ist die vorletzte Aufnahme dieses 1999 begonnen Projekts. […].
Es sind wunderbar lebendige, erfrischend verspielte Aufnahmen, die eine ganze Breite an unterschiedlichsten Stimmungslagen, die Haydn imstande war auszudrücken, beinhalten. Die Heidelberger Sinfoniker zeigen sich entsprechend der Vorlagen beeindruckend wandlungsfähig. Elegant bis frech, mit Raffinement und sprudelnder Energie sind die drei- und viersätzigen Sinfonien hoch diszipliniert umgesetzt. Klumpp findet genau den richtigen Ansatz, geht in die Tiefe der Musik, lässt sie von seinem Orchester flüssig wie kraftvoll interpretieren und unterhält den Hörer ebenso anspruchsvoll wie kurzweilig. Fazit: Absolut empfehlenswert!

Haydn 27 - Januar 2023

Rondo Magazin, Attila Csampai, 04.03.2023
Seit 23 Jahren schon arbeiten die Heidelberger Sinfoniker an ihrer Gesamteinspielung aller Haydn-Sinfonien, und sind jetzt mit ihrem neuen Leiter Johannes Klumpp bei Folge 27 und vier frühen Eszterházer Arbeiten angekommen. Nachdem sich der Gründer und langjährige Chef des Ensembles Thomas Fey infolge eines schweren Unfalls zurückziehen musste, übernahm der heute 42-jährige Klumpp 2020 das Ensemble und will nun die ausstehenden Sinfonien in chronologischer Abfolge herausbringen:
So führt er seither auch den rabiaten, aufklärerischen Geist des von Fey etablierten musikalischen Konzepts nahtlos weiter, ja, die Spielfreude der 24-köpfigen Truppe klingt jetzt, nach der lähmenden Corona-Pause, noch wilder und entfesselter.
Die vier jetzt vorgelegten Sinfonien (Nr. 3, 33, 108, 14) stammen aus der Anfangsphase Haydns am Eszterházer Fürstenhof und entstanden 1761 und 1762, als der knapp 30 Jahre alte Haydn die aufwühlenden Energien der aktuellen „Sturm- und Drang“-Mode mit seinem damals schon ausgeprägten Experimentiergeist zu neuartigen „Versuchsanordnungen“ verdichtete, und so von Anfang seine eigene sinfonische Revolution in Gang setzte – ganz allein und „von der Welt abgesondert“, wie er später berichtete.
Gerade weil diese mitreißenden frühen Sinfonien bis heute kaum gespielt werden, ist die Bedeutung dieses bislang (erst) vierten Gesamtprojekts nicht zu unterschätzen: Bis 2024 soll es abgeschlossen sein, während Konkurrent Giovanni Antonini erst 2032 die Ziellinie anvisiert.

Noch mehr Sturm und Drang auf dem Weg mit Haydn
Rezension von Uwe Krusch, Pizzicato - Remy Franck's Journal – Classics In Luxembourg
Auf ihrem Weg zur Einspielung aller Symphonien von Joseph Haydn legen die Heidelberger Sinfoniker mit ihrem aktuellen Chef Johannes Klumpp nun eine Auswahl früher Werke vor.
Ein besonderer, eher rätselhafter Fall ist dabei die Nummer 108 in B-Dur. Trotz der hohen Nummer ist es eine frühe Komposition. Alle vier Sätze sind sehr kurz. Das musikalisch unauffällige Material im Allegro wird kaum durchgeführt. Immerhin bringt das Menuett eine zugespitzte punktierte Figur hervor, das Trio besticht durch das Fagottsolo. Das Andante ist besinnlich und unterliegt kontrapunktischer Bearbeitung. Für ein bemerkenswertes Klangbild sorgen die parallelen Dezimen.
Mit dieser bereits 27. Einspielung in der Reihe zeigen die Heidelberger Sinfoniker und ihr Dirigent Johannes Klumpp weiter durch die Sturm- und Drang-Werke von Haydn. Dazu passt ihre Herangehensweise, bei der sie voller Elan und Dynamik gemeinsam diesen Weg beschreiten. Es gelingt ihnen, aus den frühen Werken Facetten und Details herauszukitzeln. Dabei werden sie der Dynamik der schnellen Sätze mit frischem Zugriff ebenso gerecht wie rhetorisch ausformulierten langsamen Passagen. Das stürmende und drängende Spiel passt gerade für diese Werke bestens.

On their way to recording all of Joseph Haydn’s symphonies, the Heidelberg Symphony Orchestra with its current leader Johannes Klumpp now presents a selection of early works. A special, rather puzzling case is the number 108 in B flat major. Despite the high number, it is an early composition. All four movements are very short. The musically unremarkable material in the Allegro is hardly performed. At least the minuet brings out a pointed dotted figure, the trio captivates with the bassoon solo. The Andante is contemplative and subject to contrapuntal treatment. The parallel tenths make for a remarkable sound.

With this already 27th recording in the series, the Heidelberg Symphony Orchestra and its conductor Johannes Klumpp continue to show through the Sturm und Drang works of Haydn. Their approach is in keeping with this, in which they tread this path together full of verve and dynamism. They succeed in teasing out facets and details from the early works. They do justice to the dynamics of the fast movements with fresh access as well as to the rhetorically formulated slow passages. The stormy and urgent playing is particularly well suited to these works.

 

Haydn 26 - Mai 2022

musicweb-international, Michael Cookson
Johannes Klumpp and the Heidelberger Sinfoniker make a strong case for these early symphonies.
Ich freue mich, Band 26 des geplanten Zyklus vollständiger Haydn-Sinfonien der Heidelberger Sinfoniker unter Johannes Klumpp begrüßen zu dürfen.[…].
Unter Johannes Klumpp haben die Heidelberger Sinfoniker, die als «einer der Weltkenner der Wiener Klassik» bezeichnet werden, die Reihe neu gestartet. Erst im vergangenen Monat habe ich Band 25 besprochen, das erste Album der Haydn-Reihe unter der Leitung von Klumpp […].
Der preisgekrönte Dirigent Klumpp[…], wie sein Vorgänger Thomas Fey, der diesen Haydn-Zyklus 1999 begann, ist ein Spezialist für historisch informierte Aufführungspraxis, die er mit seinen individuellen Instinkten verbindet. […].
Unter Klumpp zeigen die kammergroßen Heidelberger Sinfoniker eine ausgeprägte Wachsamkeit in Darstellungen, die sich hell, gewinnend und fokussiert anfühlen. Das Orchester besteht aus 21 Spielern: einer dreizehnköpfigen Streichergruppe, drei modernen Holzbläsern, vier historischen Blechbläsern und Pauken.

Für mich beinhaltet dieses Album den Überschwang, den Klumpp dem Eröffnungssatz Allegro der Symphonie Nr. 107 B-Dur und dem zweiten Satz Allegro der Symphonie Nr. 11 Es-Dur verleiht, der vor Energie geradezu aufbricht und eine überzeugend windgepeitschte Qualität erzeugt. Der substanzielle dritte Satz der Symphonie Nr. 32 C-Dur, Allegro ma non troppo, dauert über sieben Minuten; Klumpp erzeugt einen Anflug von Melancholie, während sein Gesamtcharakter vital ansprechend bleibt. In seinen Notizen weist Klumpp auf den Abschnitt bei 5:45-5:56 hin, der farbenfroh ist und ein etwas gewichtigeres Spiel einläutet. Besonders auffällig ist der Anfangssatz der Symphonie Nr. 15 in D-Dur mit der Bezeichnung Adagio – Allegro – Adagio. In den Außenteilen des Adagio-Satzes, die eine kräftige Presto-Passage bei 2,06-4:14 umrahmt, bewahren die Spieler eine unwiderstehliche Haltung und Eleganz.

Insgesamt spielen die Heidelberger Sinfoniker mit einer erhebenden Lebendigkeit, der Klang ihrer Instrumente harmoniert gut und erzeugt klare, farbenfrohe Texturen.

Pizzicato, Remy Franck
Eine CD voller Sturm und Drang: Johannes Klumpp dirigiert frühe Symphonien von Joseph Haydn, denn auch die mit der Nummer 107 komponierte Haydn bereits um 1760/61.
Die 26. Folge dieser Haydn-Reihe fügt sich nahtlos an die vorangegangenen Editionen an. Mit historischer Aufführungspraxis klingen die mit weniger als 20 Minuten relativ kurzen Symphonien kernig und brillant im Klang.
Klumpp rast freilich nicht durch die Werke hindurch, sondern dirigiert durchaus rhetorisch, und die Interpretationen sind durch die Kraft der der Musik innewohnenden Dramatik durchaus beachtenswert.
Die Heidelberger Symphoniker spielen wieder einmal hervorragend, zupackend und spritzig.

Rondo, Mario Felix Vogt
Seit über 20 Jahren arbeiten die Heidelberger Sinfoniker auf der Basis historisch informierter Aufführungspraxis an einer Gesamtaufnahme von Joseph Haydns 108 Sinfonien.[…]. Seit 2020 setzt Johannes Klumpp als neuer Künstlerischer Leiter des Orchesters die Haydn-Einspielungen fort. Auf ihrer aktuellen CD widmen sich die Heidelberger vier frühen Sinfonien, die alle aus den Jahren 1760/61 stammen, dabei ist die Sinfonie Nr. 15 bereits in der Funktion von Haydn als erstem Kapellmeister des Fürsten Esterházy entstanden. Auch hier agiert das Orchester aus der Neckarstadt voller Temperament und Frische und wunderbar spritzig, da wirken andere Klangkörper (zum Beispiel das sehr betulich aufspielende Toronto Chamber Orchestra) ein wenig wie unter Valium-Einfluss stehend: wer etwa den dritten Satz der viel zu selten gespielten Nr. 107 beider Ensembles im Vergleich hört, der meint, zwei völlig verschiedene Stücke zu erleben. Dennoch bleiben die Heidelberger in den langsamen Sätzen nicht an der Oberfläche, wie die klanglich fein differenzierte Gestaltung der langsamen Einleitung der Sinfonie Nr. 15 zeigt, die mit viel Sinn für das melodische Geschehen interpretiert wird. Somit bleiben die Heidelberger Sinfoniker bei Haydn weiterhin auf der bewährten Spur.

 

Haydn 25 - Oktober 2021

Klassik Heute, Rainer W. Janka, 13.10.2021
Haydn war nicht der Erfinder der Gattung Sinfonie, konstatiert Michael Walter in seiner Monografie über Haydns Sinfonien, wohl aber „der Erfinder dessen, was die Sinfonie im 18. Jahrhundert geworden ist[...]. Ihm beim Werden und Avancieren der Gattung Sinfonie dabei zuzuhören, ist immer ein musikalisches Vergnügen und ein veritabler Gewinn.
Vergnügen und Gewinn hat man auch beim Anhören dieser CD mit frühen Haydn-Sinfonien, die der Gesamtaufnahme aller Sinfonien, gespielt von den Heidelberger Sinfonikern, noch fehlen.

Großes Vergnügen hat man schon bei der Lektüre des Booklets: Da stellt Johannes Klumpp, seit kurzem Nachfolger von Thomas Fey am Pult der Heidelberger Sinfoniker, die gespielten Sonaten so herzerfrischend sympathisch, so wortgewandt und wortverliebt, so treffgenau in Beschreibung und Vergleich vor, dass man sofort nachhören will, ob das alles so zutrifft – oder dass man schon die Beschreibung fürs Hören nimmt. „1000-Volt-Musik“, „Groove“ und „schlitternde Triolen“ entdeckt er da in der Sinfonie Nr. 18, „kontrollierten Kontrollverlust“ im Kettenrondo der Sinfonie Nr. 2, „bohrende Düsternis“ in der Sinfonie Nr. 17 und „eine Canzonetta eines Liebenden unter dem Balkon der Geliebten“, einen das Hauptelement bildenden „Schluckauf“ und gar „Eselsschreie“ in der Sinfonie Nr. 20.

Und so vergnüglich frisch, so sprudelnd und liebevoll genau, so funkelnd und strömend, so zärtlich und spritzig spielen die Musiker auch. Hochbeschwingte und fast swingende Freude herrscht da, Freude am glänzenden, höfischen Klang und auch am geglückten passgenauen Zusammenspiel[...]. Feine vibratolose Violin-Klanggespinste entstehen da, wenn Blechbläser dazukommen, fügen sie sich bei allem heiteren Geschmetter organisch ein. So wird jede dieser Sinfonien, die vermutlich alle in der Zeit komponiert wurden, als Haydn 1757 bis 1761 beim Grafen Morzin auf Schloss Dolní Lukavice nahe Pilsen angestellt war, zu einem blankgeschliffenen musikalischen Edelstein.

Aufgenommen wurden diese Sinfonien des „Komponisten der Sonne“ (so schwärmt wiederum Johannes Klumpp) im Palatin Wiesloch, einem modernen Konzertsaal. Aber dem Rezensenten ist dieser wiewohl sehr genau abbildende Saal etwas zu nüchtern für diese musikalischen Kleinodien: ein wenig höfischer Glanz wäre schöner gewesen.

 

Matthias, Roth, Rhein-Neckar Zeitung, 16. September 2021
Das neue Gesicht der Heidelberger Sinfoniker
Das neue Gesicht der Heidelberger Sinfoniker heißt Johannes Klumpp, das macht nun auch die 25. CD-Einspielung in der Haydn-Reihe klar[..]. Dieser führt die Idee Feys fort, Haydns Werke neu zu sehen. Das hat freilich auch schon einen Bart - denn die historische Aufführungspraxis zählt nun auch schon einige Jahre. Dennoch unterschied sich der Musizierstil der Sinfoniker von Anfang an auch davon: Fey vertraute auf teils „moderne“ Instrumente und Stimmung, wollte aber die Blechbläser (Hörner, Trompeten) und Pauken gern naturbelassen, also ohne Ventile und mit harten Schlägeln, eher „militärisch“ als sinfonisch.

An diese Grundprinzipien der Heidelberger Interpretation hält sich nun auch Johannes Klumpp[..]. Aber auch andere Spezialitäten der Sinfoniker sind durchaus wiedererkennbar. Klumpp also ist einer, der Tradition ernst nimmt, auch solche, die noch nicht allzu alt ist. Die Sinfoniker aus Heidelberg bleiben daher wiedererkennbar, in ihrem Sound, in der Klangsprache, in der Interpretation.[…]
Das Orchester hat sich mit kleiner Besetzung (vier Erste und vier Zweite Geigen) auch personell wenig verändert - und auch stilistisch ist nicht so vieles anders geworden, obwohl (oder weil?) der Konzertmeister Benjamin Spillner die Leitung in der Zwischenzeit (auch für zwei dirigentenlos produzierte CDs) übernommen hatte: Die Orchestertradition also wurde weitergetragen.

Klumpp, den die Sinfoniker als Gastdirigenten lange kannten, bevor sie ihn als neuen Chef engagierten, greift diese auf: Er weiß, der „Sinfoniker-Sound“ aus Heidelberg ist ein international vermarktetes Kapital, das man nicht aus den Händen geben sollte. Für Haydn allemal:
Die erste CD mit Haydn-Sinfonien bei Hänssler erschien 1999 und schlug ein wie eine Bombe. Dieser „Haydn ohne Zopf“, wie Fey ihn fröhlich propagierte, fand zwar nicht jedermanns Zustimmung (denn Haydn habe seinen Perücken-Zopf durchaus mit Selbstbewusstsein getragen), aber anerkennend war das Echo allemal. Nicht zuletzt zeigten diese Aufnahmen, dass diese über 200 Jahre alte Musik auch auf „modernen“ Instrumenten ansprechend gespielt werden konnte.
Nun also setzen die Heidelberger ihre Sinfonie-Serie vielleicht nicht ganz so aufgekratzt fort, wie Fey das liebte, aber Klumpps eher gerundete Klangvorstellung widerspricht der alten Idee grundsätzlich nicht. Mit den Sinfonien Nr. 2, 17, 18, 19 und 20 folgt man der Chronologie auf zwischen Nr. 1, den „Tageszeiten“-Sinfonien und anderen Werken der Frühphase.[…] Die Chronologie der Haydn-Sinfonien nach der Entstehung entspricht längst nicht mehr den Nummerierungen durch Anthony van Hoboken, und so zählen diese Werke heute zur frühesten Epoche bis 1760/61 - also des noch nicht 30- jährigen Komponisten.

Entsprechend experimentierfreudig erscheinen sie heute: In der Form noch nicht fest gefügt, in der Satzfolge noch frei, so erscheinen die ersten Sinfonien aus Haydns Feder, die sich an italienischen und Mannheimer Vorbildern orientierten. Dreisätzig sind sie alle, und Nr. 18 (in der Chronologie Nr. 3) beginnt mit einem gefühlvollen Andante und endet mit einem Menuett (dessen Trio Klumpp mit Violin-Schleifern, kleinen Glissandi ausschmücken lässt). Dazwischen zieht ein rasches Allegro molto (Klumpp interpretiert es als „Presto“) die ganze Aufmerksamkeit auf sich.

Eine bemerkenswerte Einspielung, die die Reihe würdig fortsetzt, in der etwas mehr als die Hälfte der insgesamt 110 Werke bereits vorliegen.